Bittere Schweizer Niederlage in Russland
Was nützt eine grossartige Schlussphase, wenn sie dem EHF-Delegierten nicht gefällt? Der slowakische Spielüberwacher Jan Rudinsky erfand 18 Sekunden vor Schluss einen Wechselfehler und ebnete Russland den Weg zum 36:34- Heimsieg. Die Schweizer, die nach dem starken Auftritt einen Punktgewinn verdient hätten, waren die Verlierer in diesem schlechten Schauspiel.
Die Schlussphase in Tschechow lief aus Schweizer Sicht perfekt: Nachdem Russland in der 56. Minute noch mit 35:30 geführt hatte, startete die SHV-Auswahl eine furiose Aufholjagd. Sie verteidigte stark, holte Tor um Tor auf und war plötzlich wieder dran. 18 Sekunden vor Schluss erkämpften sich die Schweizer beim Stand von 34:35 den Ball und hatten gar die Chance zum Ausgleich – doch das war dem slowakischen Delegierten Jan Rudinsky dann zu viel: Er unterbrach das Spiel, bezichtigte die Schweizer eines Wechselfehlers und sprach den Russen den Ball zu. Diese bedankten sich für das Geschenk und sorgten für die Entscheidung. Dass die beiden guten polnischen Schiedsrichter im Anschluss offenbar von einem "big mistake" sprachen, nützte den Schweizern auch nicht mehr viel. Denn ob ein allfälliger Protest zu etwas führen wird, darf zumindest bezweifelt werden.
Es war das absolut unwürdige Ende einer spektakulären, in der Schlussphase gar dramatischen Partie. Die Schweiz begegnete dem grossen Russland in der eigenen Halle während 60 Minuten auf Augenhöhe und war nur Nuancen von einer Sensation entfernt. In der Schlussphase war es vorab die individuelle Klasse der Osteuropäer, die den Unterschied ausmachte. Wassili Filippow zeigte auf der Spielmacher-Position in der letzten Viertelstunde eine Weltklasse-Vorstellung und führte sein Team praktisch im Alleingang zum Erfolg. Trotzdem: Nur das Eingreifen des Slowaken Jan Rudinsky vereitelte den Schweizern die Chance auf den verdienten Ausgleich. Es wäre nach dem offenen, attraktiven Schlagabtausch das gerechte Resultat gewesen.
Nur: Der Konjunktiv gibt auch im Handball keine Punkte. Goran Perkovac konnte nach dem Ärger über den Entscheid aber trotzdem ein positives Fazit ziehen: "Unsere Jungen haben viel Feuer ins Spiel gebracht. Wir haben so gekämpft, wie ich mir das vorstelle. Dass es dann aber mit dem Eingriff des Delegierten endet, ist bitter. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt", sagte er. Der Nationaltrainer, der seinen jungen Akteuren viel Vertrauen schenkte und Michal Svajlen sowie Alen Milosevic in die Startformation stellte, wurde für sein Risiko belohnt. Beide bewiesen, dass sie den hohen Ansprüchen gewachsen sind. Und auch David Parolo und Pascal Bächtold fügten sich nahtlos ins starke Schweizer Kollektiv ein.
Die beiden besten Akteure auf Schweizer Seite waren aber die Bundesliga-Legionäre. Manuel Liniger zeigte eine fantastische Vorstellung und brauchte für seine 12 Treffer lediglich 15 Versuche. Und Andy Schmid, mit neun Toren zweitbester Schütze, stellte sein unheimliches Spielverständnis und das Auge für seine Mitspieler wiederholt unter Beweis. Sie konnten aber nicht verhindern, dass ihr Team in beiden Halbzeiten jeweils kurze Schwächephasen einzog, die es den Russen ermöglichten, auf jeweils fünf Tore davonzuziehen. "Wir müssen in diesen Phasen die Fehler natürlich reduzieren", sagte Goran Perkovac. "Doch das ärgert mich eigentlich gar nicht, wenn ich ein solches Engagement meiner Mannschaft wie heute sehe. Wir haben unglaublich gekämpft, und es lief am Schluss eigentlich alles für uns." Tatsächlich schien die SHV-Auswahl in Tschechow für ihren beherzten Auftritt unverhofft noch belohnt zu werden – doch dann legte Jan Rudinsky sein Veto ein.
Russland – Schweiz 36:34 (15:14)
Olympiapark, Tschechow – 700 Zuschauer – Sr. Baranowski/Lemanovicz (Pol).
Torfolge: 1:0, 2:1, 2:3, 4:3, 4:4, 6:4, 6:5, 9:5 (13.), 9:7, 10:7, 10:9, 11:10, 12:10, 12:12 (24.), 13:12, 14:13, 15:14; 15:15, 16:16, 18:16, 18:17, 19:18, 21:18, 21:20, 23:21, 23:23, 24:23, 26:26 (45.), 29:26, 29:27, 32:27 (52.), 32:28, 33:29, 35:30 (56.), 35:34, 36:34.
Strafen: 4mal 2 Minuten gegen Russland; 7mal 2 Minuten gegen die Schweiz.
Russland: Grams/Bogdanow (für 1 Penalty); Filippow (6), Kowalew (5), Tschernoiwanow (1), Rastwortsew (4), Kamanin, Tschipurin (3), Kokscharow (4/1), Dibirow (2), Igropulo (10), Starich (1), Iwanow.
Schweiz: Stauber/Quadrelli (14. bis 53.); Schmid (9), Goepfert, Kurth (3), Liniger (12/5), Ursic (3), Graubner (4), Scheuner, Milosevic (1), Svajlen, Parolo (1), Bächtold (1).
Bemerkungen: Schweiz setzt Hess, Raemy und Schelbert nicht ein. Quadrelli hält Penalty von Igropulo (16./9:6). Filippow schiesst Penalty an den Pfosten (50./30:27). Stauber hält Penalties von Kokscharow (54./33:29) und Dibirow (59./35:33).
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